Marceline Loridan-Ivens: Und Du bist nicht zurückgekommen

 

loridanMit 87 Jahren zieht Marceline Loridan Bilanz…
Dieses Büchlein ist ein Meisterwerk und für mich das beste Buch, dass 2015 erschienen ist. Marceline Loridan-Ivens ist 1928 geboren und kam mit ihrem Vater nach Auschwitz. Im Mai 1945 wird sie als 17-Jährige im Ghetto Theresienstadt befreit. Ihren Vater und weitere 44 Familienmitglieder sind ermordet.
Zurück in Frankreich versucht sie eine „normale“ Existenz aufzubauen. Sie wird Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin. Doch die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden ist so ungeheuerlich, dass sie auch auf die Überlebenden und deren Nachkommen lebenslang Auswirkungen hat.

Man kehrt nie aus Auschwitz zurück.

In ihrem Buch ist jeder Satz, jedes Wort an seinem richtigen Platz.
Und es gibt kein zu viel und kein zu wenig an Worten.
Insel Verlag, 2015, 111 Seiten, 15,00 €

 

 

 

 

Marlene Streeruwitz: Nachkommen.

In ihrem Roman gewährt uns die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz (Jg. 1950) einen Blick hinter die Kulissen des Deutschen Buchpreises. Ihre junge Protagonistin gelangt mit ihrem Buch überraschend auf dessen Shortlist. Genau wie Streeruwitz selbst, dessen Werke 2011 auf die Shortlist und 2014 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises kamen. nachkommenNeben den privaten Entwicklungen geht es auch um das Dasein der Autorin, die zwar ein Buch verfasst hat, aber kaum Geld zum Leben hat. Um Verlage und konkurrierende AutorInnen, um den Marketing-Zirkus und die verteilten Rollen darin.
Es relativiert auch manche Vorstellungen von „Erfolg“. Auch des finanziellen Erfolgs. So rechnet sich die Autorin aus, wieviel Geld sie letztendlich bei einer Marge in Höhe von 1,70 € und bei knapp über 3.000 verkauften Büchern bekommen würde. Geld, auf das sie dringend angewiesen ist. Ihr Verleger widerum hat seine ganz eigenen Erwartungen und Hoffnungen, genau wie die Medienwelt.
Streeruwitz` Schreibstil ist immerhin eine Transformation, wie man sie sich von AutorInnen wünscht. Manchmal sind m. E. durch zu viele Wortwiederholungen/-spielereien kleine Längen entstanden, aber das schmälert das Lesen nicht für die, die ihren Stil mögen und neugierig darauf sind, was die Frau uns zu sagen hat. Streeruwitz gehört zu den politischen AutorInnen, die auch mal auf einen Preis verzichten, weil sie ihren Werten treu bleiben und sich nicht verbiegen wollen.
Fischer Verlag, 2015, 432 Seiten, 10,99 €.

Amazon, unabhängige Buchläden und Co.

Die Verhältnisse zwischen Verlagen und Buchhandel sind sehr komplex. Auch wenn der Artikel des Seitenstrassen-Verlages und seine erste Nachbetrachtung aus 2015 ist, hat er dennoch nicht an Aktualität verloren. Er wendete sich gegen die generelle „Verteufelung“ von Amazon und die „Idealisierung“ unabhängiger lokaler Buchhandelsstrukturen.

Der lokale Buchhandel scheint mehr Kritiker zu haben, als von uns vermutet.

Ein Jahr später, Anfang 2016, gab es vom Seitenstrassen-Verlag einen resümierenden Blick auf das Thema.

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Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Auf der Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2016 stehen zehn Bücher: von einer Autorin (Sahra Wagenknecht) und neun Männern. Eine Frau nur: wie 2015.
Der Preis wird seit zehn Jahren verliehen. Und er ging bislang an eine Frau (Dr. Susanne Schmidt).
In der Jury sind zehn Personen aus der deutschen Wirtschaft, aus der Wissenschaft und aus Unternehmen. Der Buchpreis ist mit 10.000 € dortiert und wird vom Handelsblatt, der Frankfurter Buchmesse und die Investmentbank Goldman Sachs verliehen. Verlage können maximal drei Bücher einreichen. Die Redaktion des Handelsblattes stellt aus den Einsendungen die Shortlist zusammen.

Frauen / Männer
2016: Jury: 3/7
Shortlist: 1/9
Buchpreis: kommt am 21. Oktober 2016

2015: Jury: 3/7
Shortlist: 1/9
Buchpreis: Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee

2014: Jury:
Shortlist: 3/7
Buchpreis: Michael Lewis

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Deutscher Buchpreis im (Gender)Blick

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Zahlen und Fakten… zum Deutschen Buchpreis, der als Hauptoreis mit 25.000 € dotiert ist und im Herbst 2016 zum 12. Mal vergeben wurde:

Frauen/Männer

2016: Jury: 3/4
Longlist: 6/14
Shortlist: 1/5
Buchpreis: Bodo Kirchoff

2015: Jury: 4/3
Longlist: 7/13
Shortlist: 2/4
Buchpreis: Frank Witzel

2014: Jury: 4/3
Longlist: 5/15
Shortlist: 2/4
Buchpreis: Lutz Seiler

2013: Jury: 3/4
Longlist: 6/14
Shortlist: 3/3
Buchpreis: Terezia Mora

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Lange Nacht der Literatur in Hamburg…

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Am 03. September 2016 lesen die drei Berliner Marta Press-Autorinnen Juliane Beer, Katrin Heinau und Ulrike Gramann im Rahmen der „Lange Nacht der Literatur in Hamburg“ bei den Bücherfrauen:

Unterwegs mit starken Frauen – BücherFrauen stellen ihre Werke vor
Ob auf der Straße oder am Klavier, im Kreise der besten Freundinnen oder im Kampf ums Überleben – die Reisen dieser Frauen bewegen, unterhalten und inspirieren. Die BücherFrauen Hamburg laden zu einer Reihe von Lesungen ein, die Einblicke in vielseitige Lebens- und Wirkungsgeschichten bieten und auch die Frauen hinter den Büchern sichtbar machen. Ein Abend mit zehn Autorinnen und verschlungenen Lebenswegen.
Mit Getränken und veganen Snacks. Barrierefreier Zugang.
Karten: 8 € an der Abendkasse vor Ort: Monetastraße 4, 20146 Hamburg, Erdgeschoss.

17.30–19.15 Uhr:
Martina Mosebach: Die Grenzschwimmerin. Punktum Bücher 2016.
Katrin Heinau: Das glückliche Leben. Eine moralische Erzählung. Marta Press 2015.
Ute Elisabeth Mordhorst: Und immer stark sein. Die Geschichten unserer Mütter. Herder 2014.
Theresa Amrehn, Henriette Dyckerhoff, Nadine Wedel: Königin der Landstraße. Meine Jahre auf der Walz. Piper 2016.
Bettina Steitz: Vegan rockt! Die besten Rezepte aus aller Welt. Lempertz 2016.

19.45–21.30 Uhr:
Brigitte Beier, Karina Schmidt: Hier spielt die Musik! Tonangebende Frauen in der Klassikszene. AvivA 2011.
Patricia Paweletz: Die Männer meiner Freundinnen. Punktum Bücher 2015.
Bettina Schaefer: Ich bleibe Optimist, trotz allem. Erinnerungen an Noach Flug. Jetztzeit Verlag 2014.
Juliane Beer: Frau Doktor E. liebt die Abendsonne. Marta Press 2015.
Ulrike Gramann: Du bist kein Kind mehr. Erzählungen aus dem erwachsenen Leben. Marta Press 2014.

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Studie: Frauen in Kultur und Medien

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Die Studie „Frauen in Kultur und Medien. Ein Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge“ liefert Ergebnisse zu der Repräsentation von Frauen und Männern* (* andere Geschlechter nicht) im Kultur- und Medienbereich in Deutschland.

 

 

Kleiner Zahlenausschnitt:
– in Galerien ausgestellte Werke von Männern: 75 Prozent
– in deutschen Kunstmuseen ausgestellte Werke von Männern: 85-90 Prozent (geschätzt)
– Kino- und Fernsehfilme von Männern inszeniert: 85 Prozent
– Männliche Absolventen im Fach Regie: 58 Prozent
– Männliche Beschäftigte in Kulturorchestern: 73 Prozent
– Anteile der männlichen Professoren an künstlerischen Hochschulen: 74,5 Prozent

Die Bücherfrauen hatten ähnliche Ergebnisse in ihrer Studie (2010) und entsprechende Forderungen gestellt. Zu kritisieren ist vor allem die fehlende Datenlage, die weder vom Börsenverein noch staatlicherseits erhoben wird. Auch für Deutschland wäre zum Beispiel ein VIDA Count gut.

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VG Wort, Börsenverein und BGH-Urteil

In den letzten 14 Jahren wurden durch die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) jährlich ca. 30 Millionen Euro falsch verteilt: Sie gingen rechtswidrig als „Verlegeranteil“ an die Verlage in Deutschland statt an die AutorInnen. Dagegen hat der Autor Martin Vogel erfolgreich geklagt. Das Verfahren „Verlegeranteil“ kostete die VG Wort eine Million Euro Prozesskosten. Der Bundesgerichtshof (BGH) gab dem Kläger Martin Vogel Recht. Dies bedeutet, das die unter Vorbehalt ausgezahlten „Verlegeranteile“ an die VG Wort zurück gezahlt werden müssten.

Vor und nach diesem Urteil protestierten Verlegerinnen und Verleger, ihre Stiftungen, Verbände, Gewerkschaften, Medien, Berufsnetzwerke und sogar „die bis zur Besinnungslosigkeit Überangepassten unter den Autoren selbst“ (Marcus Hammerschmidt).

Bedrohungsszenarien wurden heraufbeschworen: massenweise würden Verlage finanziell zusammenbrechen und dadurch sei die Vielfalt des Verlagswesens gefährdet. Diese Sichtweise ist absurd! Für kleine unabhängige Verlage ist der Verlegeranteil viel zu gering, als dass dies zu einer Pleite oder einem Konkurs führen könnte. Mittelgroße unabhängige Verlage hatten dagegen im Jahr im Schnitt fünfstellige Summen als „Verlegeranteil“ von VG Wort erhalten, sprich eine „Subversion“, ohne das eigene Rechte in die VG Wort eingebracht worden sind. Aber diese Verlage wussten, dass die Gelder unter Vorbehalt gezahlt wurden und sie diese Gelder ggbf. zurück zu zahlen haben. Also dürfte ihre Existenz nicht von diesen Summen abhängig sein!

Als (noch Klein-)Verlegerin habe ich mit ganz anderen strukturelle Hindernissen und Barrieren zu kämpfen, auf die auch Martin Vogel in seinem Essay verweist:

Nebenbei bemerkt ginge es den kleinen Verlagen sicher besser, wenn die von ihnen verlegten Bücher auf den Tischen der ebenfalls im Börsenverein organisierten großen Buchhandlungen ausgelegt würden.


Da spricht Martin Vogel aus, was viele gar nicht wissen: für unabhängige Verlage ist es fast unmöglich zu erreichen, dass ihre Bücher in den „normalen“ lokalen Buchhandel, der von den großen Buchhandelsketten (Thalia, Hugendubel, Weiland etc.) dominiert wird, gelangen. Lediglich Amazon, Buchhandel.de und einige andere Online-Anbieter nehmen alle Bücher auf. Unabhängige, oft von Kollektiven oder InhaberInnen geführte – eher kleine Buchhandlungen – sind es, die die Bücher von den unabhängigen (Independent-)Verlagen manchmal in ihr Ladensortiment aufnehmen.   

Als (noch Klein-)Verlegerin kann ich beim Börsenverein* bislang keine Aktivitäten erkennen, die wesentlich zur Förderung kleiner Verlage beitragen, beim Mitgliedsbeitrag angefangen. Der Jahresbeitrag für unseren Verlag würde regulär – und das ist der Mindestbeitrag – 493,50 € kosten. Die wenig nutzbaren Leistungen sind übersichtlich: mal Erwähnung im Börsenblatt, die Möglichkeit der Teilnahme an einem Messe-Gemeinschaftsstand. Die Mitgliedschaft im Börsenverein ist vor allem Voraussetzung, um sich mit einem romanhaften Buch für den Deutschen Buchpreis bzw. den Österreichischen Buchpreis zu bewerben oder für die Aufnahme in die Kurt Wolff Stiftung, deren Mitgliedschaft dann mindestens weitere 250 € kostet…

* Der Börsenverein heißt korrektBörsenverein des Deutschen Buchhandelsund „vertritt die Interessen von 5.000 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten, Zwischenbuchhandlungen und Verlagsvertretern“.

Aber um auf VG Wort zurückzukommen:
Wolfgang Michal fragt ganz berechtigt: „Sind die Autoren so reich, dass sie ihr Geld verschenken können?“