Sterben, Tod, Trauer, (Über)Leben

Ich vermisse meinen Freund und Partner Andreas Reich (*1965-†2015), mit dem ich 14 Jahre verbringen durfte. Mit ihm habe ich den Verlag aufgebaut. Während seiner Erkrankung habe ich ihm das Buch „Arbeit und Struktur“ (Blog) von Wolfgang Herrndorf (*1965-†2013) vorgelesen. Es gab Parallelen und Unterschiede in der individuellen Bearbeitung des Themas „Krebs“ durch beide betroffene Männer.

Natürlich habe ich viel zum Thema Tod und Trauer gelesen – sowohl von Betroffenen (u. a. „Krankheit als Metapher“ von Susan Sontag; „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung“ von Christoph Schlingensief) als auch von  Angehörigen („Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag“ von David Rieff; „Meine Zeit der Trauer“ von Joice Carol Oates).
Und dabei bin ich auch auf längst vergessene Bücher gestoßen, die für ihre Zeit sehr innovativ waren und es heute sogar noch sind.
In „Ein eigener Tod. Der Schlüssel zum Leben“ (1978) beschreibt die Feministin Gerda Lerner die Erkrankung und das Sterben ihres Partners Carl Lerner. Der progressive US-Filmemacher hatte einen Hirntumor:

Wir hatten, ohne es zu wissen, an dem Tag unsere Haltung gefunden: Ehrlichkeit, informiertes Wissen, Humor, offener Zorn und schließlich unsentimentaler Widerstand. (…) Wir sollten diese Haltung bis zum Ende beibehalten.

In Wahrheit gibt es keine Gleichheit und kein Teilen mit den Sterbenden. Ein Mensch erfährt, daß er sterben wird, und dieser Augenblick trennt ihn von den Lebenden. Es gibt keine Möglichkeit, dies zu überbrücken.

Carl Lerner starb 18 Monate nach der Diagnose am 26.08.1973.

Ich halte seine Hand, seine warme und trockene Hand. Zwischen uns hat alles damit begonnen, daß ich seine Hand gehalten habe. Vor zweiundreißig Jahren. Einer langen Zeit. Seine Hand fühlt sich genauso an wie damals.

Eine weitere, einzige Liebeserklärung an ihren Mann Charles Christian Wertenbaker (*1901-†1955) ist das Buch „Der Tod eines Mannes“ der Journalistin Lael Tucker Wertenbaker, auf deutsch 1957 erschienen. Bei ihrem Mann, einem Journalisten und Autor, von ihr liebevoll kurz „Wert“ genannt,  wurde 1954 Darmkrebs festgestellt. Die Familie zog mit ihren Kindern aufs Land nach Frankreich, um dort seine letzte Lebenszeit gemeinsam zu verbringen.

Ich hätte nie gedacht, daß zwei Menschen einander so nahe kommen könnten, wie wir uns jetzt gekommen sind“, sagte er zu mir an einem seiner letzten Lebenstage.

Nach den Worten seiner Frau

Ich liebe dich, ich liebe dich, bitte stirb!“

ergab Wert sich dem selbstbestimmten Tod, nachdem er sich suizidal geschnitten hatte.
Beide Paare lebten Ehrlichkeit, Authenzität, Nähe und Nichtreligiösität. Beide Frauen überlebten und gestalteten weiter aktiv ihr Leben.
Und dies ist auch die Message der Verlegerin, die es genau wie Lael Tucker Wertenbaker sieht:

…denn ein Mann wie Wert verdiente es, daß seine Frau beim Gedanken an ihn neuen Mut faßte…

Vielleicht nun noch radikaler, vielleicht nun noch toleranter, vielleicht nun noch kreativer, noch mutiger und couragierter!

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