Deutscher Verlagspreis 2019 zeigt Mängel der Strukturen

In der Düsseldorfer Erklärung vom 06. Februar 2018 und auf dem öffentlichen Fachgespräch bei DIE LINKE im Bundestag am 18. Juni 2018 forderten eine Reihe von namhaften unabhängigen Verlagen die Einrichtung eines Preises für „würdige Verlage“. Ein Deutscher Verlagspreis wurde nun von Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, ausgelobt. Kooperationspartner des Ministeriums bei diesem Preis sind der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (BöV), dem 1.800 Verlage angehören, und die renommierte Kurt-Wolff-Stiftung (KWS), die mit 119 Verlagen einen Bruchteil unabhängiger Verlage in Deutschland vertritt. Der Mindestbeitrag im Börsenverein beträgt pro Jahr 600 €. Die Mitgliedschaft im Börsenverein ist Voraussetzung zur Aufnahme in die KWS, die sich desweiteren eine Mindestspende von 250 € wünscht und/oder ehrenamtliches Engagement.

Die Teilnahmekriterien des Preises ähneln (bis auf die Mitgliedschaft im BöV) den Aufnahmebedingungen der KWS. Letztendlich sprach man von 312 Verlagen, die sich beworben haben. Dies sind auffällig wenig, da man von 2000 bis 3000 Verlagen bundesweit ausgeht. Anscheinend waren die Bewerbungshürden für die deutliche Mehrheit der kleinen Verlage schon zu hoch. So können sich zum Beispiel nicht alle die Zusammenarbeit mit den Barsortimentern (KNV Zeitfracht, LIBRI und Umbreit) leisten, die in der Regel 50 Prozent Rabatt fordern.

Im Procedere der Bewerbungsphase und Preisträger*innenverkündung gab es diverse formale Pannen, wie die falsche Angabe der Postleitzahl des Ministeriums, die Email-Antwort des Ministeriums sichtbar an 103 Bewerber*innen oder die Nominierung eines Verlages, der über 8 Millionen € Umsatz hat, aber den mit 15.000 € dotierten Preis für Verlage mit unter 3 Millionen € Umsatz erhalten sollte.
Dafür, dass sich auch mindestens ein Wissenschaftsverlag beworben hat, der pro Publikation „Druckkostenzuschüsse“ im vierstelligen Bereich nimmt, konnte das Ministerium nichts und dieser Verlag wurde auch nicht ausgezeichnet.

Ausgezeichnet mit 15.000 € werden 57 Verlage, drei Verlage erhalten sogar 60.000 €. Drei weitere Verlage mit über 3 Millionen € Umsatz erhalten ein undotiertes Gütesiegel.
Nun ist es aber so, dass von den preisgekrönten 60 Verlagen mindestens 35 zur Kurt-Wolff-Stiftung gehören, die ja offizielle Kooperationspartnerin des Bundesministeriums ist. Vielleicht sind es auch mehr als 35 Verlage – die KWS-Internetseite zeigt nur die 91 Mitglieder von 2018 an (gegenwärtig sollen ca. 119 Verlage zur KWS gehören).

Wenn ein Verein und eine Stiftung mit einem Bundesministerium kooperieren und letzteres Bundesgelder (also Steuergelder, keine Vereinsgelder oder Stiftungsgelder) ausschreibt und vergibt, sei es im wirtschaftlichen, sportlichen oder kulturellen Bereich, und dann erhalten die Vorsitzende der Stiftung und ihre beiden  stellvertretenden Vorsitzenden sowie die neu gewählte Vorsitzende des Vereins die Preisgelder und über die Hälfte der weiteren Preisträger*innen gehören zu der Stiftung…. dann würden doch alle an Lobby und Klüngel denken, oder nicht? Auf alle Fälle hinterlässt das einen unwürdigen Beigeschmack.
Entweder man kooperiert ODER man bewirbt sich, beides geht nicht.

Jeder der prämierten Verlage leistet wichtige Arbeit. Es liegt mir auch fern, grundsätzliche Kritik an der KWS zu üben, da sich die Mitgliedschaft für ihre Verlage lohnt.  Kritisieren will ich aber die Außenwirkung des Procederes bzw. der Organisation des Deutschen Verlagspreises. Angesichts gesellschaftlich akzeptierter, sich stetig verschärfender Compliance Regeln, denen sämtliche staatliche Institutionen, Unternehmen und Verbände unterworfen sind, wirken die genannten Fakten doch sehr irritierend. Ich denke die Vergabe des aus öffentlichen Mitteln finanzierten Deutschen Verlagspreises sollte grundsätzlich keinerlei Raum für derartige Irritationen bieten. Das ist dem Bundesministerium und seinen Kooperationspartner*innen meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht gelungen.

Weitere Kritikpunkte äußern Veronika Peschkes und Dirk Walter vom Smart & Nett Verlag in ihrer Pressemitteilung und Marc Berger von Edition Schwarzdruck in seinem Blogbeitrag.

Aber all die Überschneidungen sind eigentlich nur die ärgerlichen, äußerlichen Symptome einer fehlenden nachhaltigen Verlagsförderung, der die Verteilungskämpfe sichtbar macht und die noch kleineren Verlage (wieder) außen vor lässt.

Man hätte die Fördersumme von einer Million € auch anders verteilen können. Als Zeichen für die Anerkennung und Unterstützung der Vielfalt, nicht nur für „Leuchttürme“. Viel besser als über eine Preisvergabe wäre eine nachhaltige, tatsächliche Verlagsförderung, die die Sichtbarkeit und Vernetzung durch Strukturen verbessert, Verlage finanziell entlastet und sie als Kulturproduzent*innen anerkennt.

Die „Symptome“ machen zudem deutlich, das die wirklich kleinen Verlage noch keine eigenen hörbaren Netzwerkstrukturen haben. Und derzeit hauptsächlich eine Stiftung die Vorstellung darüber, was ein unabhängiger Verlag ist, prägt und mit definiert.

 

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