Kein bzw. nur geringer Lohn für PraktikantInnen in Verlagen

Eine Umfrage von Junge Verlagsmenschen hat peinliche Resultate über Verlage ergeben:

  • 60 Prozent aller Volontariate dauerten länger als ein Jahr.
  • 28 Prozent der VolontärInnen gaben an, „oft oder immer“ Überstunden zu leisten.
  • VolontärInnen verdienen durchschnittlich 1.327 Euro brutto (das sind 210 € mehr als vor Einführung des Mindestlohns).
  • Für den Ausbildungscharakter des Volontariats fehlen häufig ein/e BetreuerIn, ein Ausbildungsplan und die Möglichkeit zur Weiterbildung. Stattdessen ersetzen sehr viele VolontärInnen eine reguläre Fachkraft.
  • 38 Prozent der Praktika waren unbezahlt.
  • Im Schnitt verdiente ein/e Praktikant/in 287 Euro brutto (2015: 275 Euro).
  • Verlage stellen bevorzugt PflichtpraktikantInnen ein, für die kein Mindestlohn fällig ist.

Mit einem Praktikums-Lohn unter 300 € kann man in Städten wie Hamburg nicht einmal ein WG-Zimmer bezahlen. So erweisen sich diese Strukturen der Niedrig- bzw. Nichtentlohung bereits als Hindernisse für diejenigen jungen Nachwuchskräfte, die gerne in Verlagen tätig sein würden, aber keinen finanziellen Background haben, der ihnen die Möglichkeit erlaubt, ein unbezahltes bzw. kaum bezahltes Praktikum durchzuführen.

Leider setzen sich weder der Deutsche Börsenverein, noch das Netzwerk der Bücherfrauen oder die Kurt-Wolff-Stiftung für eine angemessene Entlohnung von PraktikantInnen (und VolontärInnen) ausdrücklich ein.

2014 äußerte Norsin Tancik von buchkarriere.de in einer Umfrage vom Börsenblatt:

Die Indies bezahlen den Nachwuchs oft schlecht – oft genug sind es aber auch größere Häuser, die bei der Ausbildung den Geldbeutel zusammenkneifen.

Und Valeska Henze, Bücherfrau, erklärte 2014:

Gemeinsam ist uns, dass wir alle in einer Branche mit hohem Selbstausbeutungspotenzial arbeiten und viele dabei in den unteren Honorar- oder Gehaltsgruppen landen. Ein Mindestlohn könnte da einen Einstieg in die adäquate Entlohnung innerhalb der Branche bedeuten, und hoffentlich auch eine Nivellierung der Entgeltunterschiede zwischen den Geschlechtern einleiten. (…) Volontariate und längere Praktika sollten idealerweise auch berücksichtigt werden, auch wenn dies für viele kleine Verlage wahrscheinlich schwierig zu bewerkstelligen wäre. Aber grundsätzlich sollten Verlage erst einmal in die Pflicht genommen werden, Arbeit angemessen zu vergüten.

Für die aktuelle, o. g. Umfrage unter Nachwuchskräften hat der Verein Junge Verlagsmenschen die Angaben von 798 Personen ausgewertet, darunter 440 Young Professionals, 247 Volontäre und 176 PraktikantInnen.

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Splitter von der Leipziger Buchmesse 2017

teutscher-teich
Gut positioniert gegenüber vom Compact-Stand

Donnerstag 23.03.2017 Anreisetag.
Im Zug ab Berlin sitzen uns drei junge Männer gegenüber: einer mit tätowierten Armen („Die Stunde der Sieger“ etc.), der andere mit blondem Seitenscheitel, Bomberjacke und einem Körpertick, der Dritte einfach nur sehr lang. Ein bisschen wie 90er und voll ostdeutsches Klischee. Nix Innovatives, denke ich.

Noch auf dem Leipziger Hauptbahnhof treffe ich zufällig – nach Jahren des Nichtsehens – einen bekannten Journalisten und Autor, der in einem der nächsten bei Marta Press erscheinenden Sammelband vertreten sein wird.

Am Donnerstagabend war ich als Verlegerin zum Independence-Dinner eingeladen in einer IN-Location in Leipzig. Viele der dort anwesenden Verlegerinnen und Verleger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind 55+ und kennen sich seit zig-Jahren. Es gab u. a. kurze Redebeiträge von Britta Jürgs (Konrad-Wolff-Stiftung),  Ursi Anna Aeschbacher (SWIPS) und Alexander Potyka (Arge Österreichische Privatverlage) sowie Essen und Trinken satt. Ich erfahre an meinem Tisch von einer Schweizer Verlegerin, wie schwierig es ist, wenn es im Land wie der Schweiz keine Buchpreisbindung gibt und die LeserInnen lieber in umliegenden Ländern oder online ihre Bücher kaufen, der Verlag aber Betriebskosten nach Schweizer Konditionen hat.
An meinem Tisch nahm eine Journalistin das Trinken zu eifrig wahr: es gab eine unappetitliche Szene, als sie sich unauffällig wähnte, ihr Besteck fiel runter und das letzte, das ich von ihr sah, war, wie sie einem Verleger auf die Haut rückte.
Für mich als Neu-Verlegerin mit Noch-Keinen-Kontakten und einer Extrovertiertheit gegen Null, die es aber immerhin mit einem Buch auf die Longlist geschafft hatte, war diese Veranstaltung (noch) eher Herausforderung statt Chance.

Freitag 24.03.2017 Messetag.
An dem Eingang der Halle 5 treffen wir sogleich auf den Hamburger Verlag PUNKTUM Bücher! und erfahren von der Verlegerin erste Informationen über die Organisation der Messe und die Standpreise. Fazit nach einigen Gesprächen mit AusstellerInnen: Wenn man einen 2×2 Meter Stand bucht, ist man locker mit 1.000 € inkl. MwSt. dabei. Mit Kosten für Personal, Reise, Unterkunft für 4 Messetage und Werbemitteln kommen da eher 3.000 als 2.000 € Ausgaben für eine Messebeteiligung zusammen. Das will überlegt sein. Ein Gemeinschaftsstand macht möglicherweise Sinn.
Von einer Vertreterin eines linken Hamburger Verlages erfahren wir, dass der Verlag im Börsenverein Mitglied ist, obwohl man mit dessen (verlags-)politischen Aussagen nicht übereinstimmt. Aber einige Vorteile hat so eine Mitgliedschaft schon: man kann mit der Börsenverein-Mitgliedschaft in die Kurt-Wolff-Stiftung aufgenommen werden, sich um den Deutschen Buchpreis bewerben und Rechtsauskünfte erhalten.
Das erste Mal in Leipzig dabei ist dieses Jahr der 1987 gegründete renommierte Ulrike Helmer Verlag.

Das Messe-Begleitprogramm mit 3.583 Lesungen und Diskussionsrunden ist äußerst umfangreich. Will man sich ein individuelles Programm zusammenstellen, kann man hierfür gut in der Datenbank recherchieren oder sich durch das Leipzig-liest-Buch blättern. In den Messehallen selber ist der Geräuschpegel ziemlich hoch und viele Menschen sind in fast ständiger Bewegung um einen rum. Manche AutorInnen lesen ambitioniert vor leeren Stühlen, manche, so bekommt man am Rande mit, können hoffentlich bzw. sicherlich besser schreiben als lesen…

Neben linken Verlagen sind Selfpublisher-DienstleisterInnen und -AutorInnen und religiöse Verlage vertreten.

Es gibt zudem mindestens drei Stände der Neuen Rechten bzw. mit rechtspopulistischer, Pegida- und AfD-naher Ausrichtung: den Ahriman-Verlag, das Magazin Compactdie Wochenzeitung Junge Freiheit und die antifeministische Zeitschrift Deutsche Sprachwelt.
Feministische und/oder antirassistische Gegenaktionen wie den Offenen Brief gegen Compact (2016) gab es 2017 nicht. Dafür eine Minidemo am Compact-Stand am letzten Messetag. Die Messe dient der Gewöhnung an die Ideologie der Neuen Rechte und den von ihr praktizierten Antifeminismus.


Was sonst noch geschah: Margarete Stokowski bloggt  in der taz, das ihre Freundin Ronja von Rönne am Messetag um 7 Uhr Zugfahren muss. Ja, Komfort-Autorinnen haben es echt schwer. Im taz-Blubbertalk versuchen zwei Pop/Post- und eine (ehemalige?) Antifeministin mit ihren Coffee-Bechern super cool zu wirken. Kathrin Gottschalk, stellv. taz-Chefredakteurin, weiß, das die „linken Dauerdemonstranten (…) halt ihre abgegriffenen Parolen haben“ (Minute 29:41) und Ronja von Rönne lässt uns teilhaben an ihrer Erkenntnis – da sie u. a. auch Flugangst kennt -, das bei „legitimer Angst seitens von besorgten Bürgern“ diese sich „mit einer Tasse Kaffee und einem Flüchtling in ein Zimmer setzen sollten“ (Minute 30:07). Denn bei Ängsten helfe nur Konfrontation!
Konfrontieren sollte man diese Frauen auch mit dem Unsinn ihrer Aussagen, ihren Stereotypen und ihrem Halbwissen. Als (re)produzierende Medienfrauen (Buch-Autorin, Spiegel-Online-Autorin, stellv. taz-Chefredakteurin) haben sie die Verantwortung, auch für Wissen für sich selbst zu sorgen.
Es ist nicht die Aufgabe von Flüchtlingen, deutschen Menschen „Angst“ zu nehmen. Und die AfD wird auch nicht nur von 80-jährigen Pegida-DemonstrantInnen umjubelt, wie Rönne meint. (Doch nicht?) komisch, das es für solche platten Aussagen in dem taz-Forum Beifall gab.

Unsere Rückfahrt wird überschattet von einem tödlichen Unglücksfall im Zugverkehr und unsoziales Verhalten von gutbürgerlichen weiblichen weißen Fahrgästen.

Wie wir 2018 auf der Messe vertreten sein werden, werden wir uns in Ruhe überlegen.

Backlash & rechter Rand auf der Leipziger Buchmesse

Nicht nur, dass rechte und rechtskonservative Medien und Verlage seit Jahren im März auf der Leipziger Buchmesse vertreten sind – dieses Jahr berichtet das Börsenblatt (Eigenbezeichnung: Das Portal der Buchbranche) völlig unkritisch von einer typischen Backlash-Preisverleihung. Der Preisträger hat sich u.a. mit diesem Artikel hervorgetan, mit dem für sein Buch geworben wird.
Wer der Verleihung beiwohnen möchte: Die Preisverleihung im Rahmen des Programms „Leipzig liest“ beginnt am Samstag, 25. März, um 16 Uhr auf dem Forum Sach- und Fachbuch in Halle 3, Stand H 300.
Dem Preisgericht gehörten Sebastian Moll (Jürgen-Moll-Stiftung), Thomas Paulwitz, Chefredakteur der Deutschen Sprachwelt (DSW), Wolfgang Hildebrandt (DSW), Uta Seewald-Heeg (Köthen/Anhalt), Ralph Mocikat (München) und Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (Ergolding) an.

Deutscher Buchpreis im (Gender)Blick

deutscher-buchpreis

Zahlen und Fakten… zum Deutschen Buchpreis, der als Hauptoreis mit 25.000 € dotiert ist und im Herbst 2016 zum 12. Mal vergeben wurde:

Frauen/Männer

2016: Jury: 3/4
Longlist: 6/14
Shortlist: 1/5
Buchpreis: Bodo Kirchoff

2015: Jury: 4/3
Longlist: 7/13
Shortlist: 2/4
Buchpreis: Frank Witzel

2014: Jury: 4/3
Longlist: 5/15
Shortlist: 2/4
Buchpreis: Lutz Seiler

2013: Jury: 3/4
Longlist: 6/14
Shortlist: 3/3
Buchpreis: Terezia Mora

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Studie: Frauen in Kultur und Medien

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Die Studie „Frauen in Kultur und Medien. Ein Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge“ liefert Ergebnisse zu der Repräsentation von Frauen und Männern* (* andere Geschlechter nicht) im Kultur- und Medienbereich in Deutschland.

 

 

Kleiner Zahlenausschnitt:
– in Galerien ausgestellte Werke von Männern: 75 Prozent
– in deutschen Kunstmuseen ausgestellte Werke von Männern: 85-90 Prozent (geschätzt)
– Kino- und Fernsehfilme von Männern inszeniert: 85 Prozent
– Männliche Absolventen im Fach Regie: 58 Prozent
– Männliche Beschäftigte in Kulturorchestern: 73 Prozent
– Anteile der männlichen Professoren an künstlerischen Hochschulen: 74,5 Prozent

Die Bücherfrauen hatten ähnliche Ergebnisse in ihrer Studie (2010) und entsprechende Forderungen gestellt. Zu kritisieren ist vor allem die fehlende Datenlage, die weder vom Börsenverein noch staatlicherseits erhoben wird. Auch für Deutschland wäre zum Beispiel ein VIDA Count gut.

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VG Wort, Börsenverein und BGH-Urteil

In den letzten 14 Jahren wurden durch die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) jährlich ca. 30 Millionen Euro falsch verteilt: Sie gingen rechtswidrig als „Verlegeranteil“ an die Verlage in Deutschland statt an die AutorInnen. Dagegen hat der Autor Martin Vogel erfolgreich geklagt. Das Verfahren „Verlegeranteil“ kostete die VG Wort eine Million Euro Prozesskosten. Der Bundesgerichtshof (BGH) gab dem Kläger Martin Vogel Recht. Dies bedeutet, das die unter Vorbehalt ausgezahlten „Verlegeranteile“ an die VG Wort zurück gezahlt werden müssten.

Vor und nach diesem Urteil protestierten Verlegerinnen und Verleger, ihre Stiftungen, Verbände, Gewerkschaften, Medien, Berufsnetzwerke und sogar „die bis zur Besinnungslosigkeit Überangepassten unter den Autoren selbst“ (Marcus Hammerschmidt).

Bedrohungsszenarien wurden heraufbeschworen: massenweise würden Verlage finanziell zusammenbrechen und dadurch sei die Vielfalt des Verlagswesens gefährdet. Diese Sichtweise ist absurd! Für kleine unabhängige Verlage ist der Verlegeranteil viel zu gering, als dass dies zu einer Pleite oder einem Konkurs führen könnte. Mittelgroße unabhängige Verlage hatten dagegen im Jahr im Schnitt fünfstellige Summen als „Verlegeranteil“ von VG Wort erhalten, sprich eine „Subversion“, ohne das eigene Rechte in die VG Wort eingebracht worden sind. Aber diese Verlage wussten, dass die Gelder unter Vorbehalt gezahlt wurden und sie diese Gelder ggbf. zurück zu zahlen haben. Also dürfte ihre Existenz nicht von diesen Summen abhängig sein!

Als (noch Klein-)Verlegerin habe ich mit ganz anderen strukturelle Hindernissen und Barrieren zu kämpfen, auf die auch Martin Vogel in seinem Essay verweist:

Nebenbei bemerkt ginge es den kleinen Verlagen sicher besser, wenn die von ihnen verlegten Bücher auf den Tischen der ebenfalls im Börsenverein organisierten großen Buchhandlungen ausgelegt würden.


Da spricht Martin Vogel aus, was viele gar nicht wissen: für unabhängige Verlage ist es fast unmöglich zu erreichen, dass ihre Bücher in den „normalen“ lokalen Buchhandel, der von den großen Buchhandelsketten (Thalia, Hugendubel, Weiland etc.) dominiert wird, gelangen. Lediglich Amazon, Buchhandel.de und einige andere Online-Anbieter nehmen alle Bücher auf. Unabhängige, oft von Kollektiven oder InhaberInnen geführte – eher kleine Buchhandlungen – sind es, die die Bücher von den unabhängigen (Independent-)Verlagen manchmal in ihr Ladensortiment aufnehmen.   

Als (noch Klein-)Verlegerin kann ich beim Börsenverein* bislang keine Aktivitäten erkennen, die wesentlich zur Förderung kleiner Verlage beitragen, beim Mitgliedsbeitrag angefangen. Der Jahresbeitrag für unseren Verlag würde regulär – und das ist der Mindestbeitrag – 493,50 € kosten. Die wenig nutzbaren Leistungen sind übersichtlich: mal Erwähnung im Börsenblatt, die Möglichkeit der Teilnahme an einem Messe-Gemeinschaftsstand. Die Mitgliedschaft im Börsenverein ist vor allem Voraussetzung, um sich mit einem romanhaften Buch für den Deutschen Buchpreis bzw. den Österreichischen Buchpreis zu bewerben oder für die Aufnahme in die Kurt Wolff Stiftung, deren Mitgliedschaft dann mindestens weitere 250 € kostet…

* Der Börsenverein heißt korrektBörsenverein des Deutschen Buchhandelsund „vertritt die Interessen von 5.000 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten, Zwischenbuchhandlungen und Verlagsvertretern“.

Aber um auf VG Wort zurückzukommen:
Wolfgang Michal fragt ganz berechtigt: „Sind die Autoren so reich, dass sie ihr Geld verschenken können?“