Zwischendurch: Verlagsalltag

Diese große Buchkette hat erst ungefähr das dritte Mal bei uns Bücher bestellt. Und nun schickt sie eine Bestellung über drei Exemplare einer Neuerscheinung. Das Lustige: sie schickt sogleich eine Preisaufstellung mit, die einen ausgesprochen guten Rabatt zu ihren Gunsten enthält. Den würden wir der Buchkette gewähren, wenn sie öfter bei uns bestellen würde. So aber wird das nischt und wir berechnen unseren üblichen Rabatt!
Hinzu kommt, das die Bücher in eine Filiale und die Rechnung auf dem Postweg an die Zentrale gesandt werden sollen. Das bedeutet noch einmal mehr Kosten für den Verlag. Aber das nur nebenbei…

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Visionen im Kontext von Verlagswesen, Buchhandel, AutorInnen und RezipientInnen

Gegenwärtig sind spannende Entwicklungen und – teils noch zögerliche – Weichenstellungen im Kontext von Wissensproduktion und -konsum zu beobachten. Folgende Verschiebungen und Entwicklungen hält die Verlegerin im Zuge der Digitalisierung in diesem Kontext in einigen Jahren für wahrscheinlich:
– das „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ (kurz: VLB) wird eine höherwertige Schnittstelle zwischen produzierenden und konsumierenden Einrichtungen einnehmen. Präzisere Verschlagwortungen & Stichwörter, Inhaltsverzeichnisse und umfangreichere Daten zu den Wissensproduzierenden/AutorInnen werden im VLB von qualifizierten Fachkräften der Verlage angelegt und von dort aus zentral abrufbar sein: sowohl für (End-)KonsumentInnen als auch Wissenseinrichtungen, Medien etc.
– Die manuellen bibliographischen Eingaben von BibliothekarInnen an den einzelnen Hochschulbibliotheken und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen entfallen.
– Buchbestellungen sind digital per VLB möglich.
– Die Bestellungen über den regionalen Buchhandel seitens der einzelnen Hochschulbibliotheken und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen entfallen.
– Jedes Buch im VLB ist in digitaler Form hinterlegt.
– Druckereien produzieren überwiegend im Digitaldruckverfahren bzw. weiter optimierten Verfahren. Im Offsetdruck werden nur noch wenige Werke gedruckt.
– Lagerkosten sinken demzufolge rapide für Druckereien, Verlage und herkömmliche Vertriebsstrukturen.
– das VLB fungiert als grösste Buch-Datenbank. Verkäufe/Abrufe werden direkt mit den einzelnen Verlagen bzw. Selfpublishern abgerechnet.

Wird fortgesetzt….

Zwei Typen blöd und sie sehr erfolgreich

Der italienische „Enthüllungsjournalist“ Claudio Gatti hat sensationslüstern die Identität der unter dem Pseudonym Elena Ferrante weltweit erfolgreich schreibenden Autorin gelüftet und FAZ-Redakteur Andreas Platthaus sowie Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sind so blöd und präsentieren die Enthüllung als besondere Leistung inklusive Namensnennung. Was zum Glück auf kein Verständnis in der Öffentlichkeit stieß!

Als wäre das Nein einer Autorin kein Nein, so Iris Radisch.

Ferrante äußerte zuvor bezüglich ihres Pseudonyms, dass sie der Trubel abstoße, der heute um Autoren veranstaltet werde. Bücher sollten für sich selbst sprechen. Ihr Hausverlag ist übrigens ein Kleinverlag: Edizioni e/o in Rom.

cover-ferranteEin im Zusammenhang mit der Autorin und gewissen Verlags- und Buchmarktstrukturen echter Skandal ist es, dass deutsche Verlage zu lange zögerlich beim Lizenzkauf der Bücher von Elena Ferrante waren, gilt sie doch als wichtige Vertreterin zeitgenössischer Literatur. 2011 erschien ihr Roman „L’amica geniale“, der 2015 von der BBC zu den besten 20 Romanen von 2000 bis 2014 gewählt wurde. In Deutschland ist das Buch erst im August 2016 unter dem Titel „Meine geniale Freundin“  bei Suhrkamp erschienen.
Ihr Roman „Storia della bambina perduta“ („Die Geschichte des verlorenen Kindes“) war für den Man Booker International Prize 2016 nominiert.

Bis Ende 2017 sollen nun sämtliche Neapel-Romane von ihr auf Deutsch erscheinen:
„Meine geniale Freundin“, August 2016: Elena erzählt über die Kindheit und Jugend von sich und ihrer Freundin Lila in einem von Armut und Kriminalität geplagten Viertel Neapels.
„Die Geschichte des neuen Namens“, Februar 2017: die rivalisierende Freundschaft geht weiter, Lila heiratet viel zu früh, Elena geht zum Studium nach Pisa.
„Die Geschichte der getrennten Wege“, Juli 2017: Lila ist Arbeiterin, Elena erfolgreiche Autorin, aber ihre Freundschaft hält.
„Die Geschichte des verlorenen Kindes“, September 2017: die Freundinnen werden älter, es gibt eine zerbrechende Liebe und familiäre Zwänge, in einem von der Camorra dominierten  Neapel…

 

Amazon, unabhängige Buchläden und Co.

Die Verhältnisse zwischen Verlagen und Buchhandel sind sehr komplex. Auch wenn der Artikel des Seitenstrassen-Verlages und seine erste Nachbetrachtung aus 2015 ist, hat er dennoch nicht an Aktualität verloren. Er wendete sich gegen die generelle „Verteufelung“ von Amazon und die „Idealisierung“ unabhängiger lokaler Buchhandelsstrukturen.

Der lokale Buchhandel scheint mehr Kritiker zu haben, als von uns vermutet.

Ein Jahr später, Anfang 2016, gab es vom Seitenstrassen-Verlag einen resümierenden Blick auf das Thema.

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VG Wort, Börsenverein und BGH-Urteil

In den letzten 14 Jahren wurden durch die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) jährlich ca. 30 Millionen Euro falsch verteilt: Sie gingen rechtswidrig als „Verlegeranteil“ an die Verlage in Deutschland statt an die AutorInnen. Dagegen hat der Autor Martin Vogel erfolgreich geklagt. Das Verfahren „Verlegeranteil“ kostete die VG Wort eine Million Euro Prozesskosten. Der Bundesgerichtshof (BGH) gab dem Kläger Martin Vogel Recht. Dies bedeutet, das die unter Vorbehalt ausgezahlten „Verlegeranteile“ an die VG Wort zurück gezahlt werden müssten.

Vor und nach diesem Urteil protestierten Verlegerinnen und Verleger, ihre Stiftungen, Verbände, Gewerkschaften, Medien, Berufsnetzwerke und sogar „die bis zur Besinnungslosigkeit Überangepassten unter den Autoren selbst“ (Marcus Hammerschmidt).

Bedrohungsszenarien wurden heraufbeschworen: massenweise würden Verlage finanziell zusammenbrechen und dadurch sei die Vielfalt des Verlagswesens gefährdet. Diese Sichtweise ist absurd! Für kleine unabhängige Verlage ist der Verlegeranteil viel zu gering, als dass dies zu einer Pleite oder einem Konkurs führen könnte. Mittelgroße unabhängige Verlage hatten dagegen im Jahr im Schnitt fünfstellige Summen als „Verlegeranteil“ von VG Wort erhalten, sprich eine „Subversion“, ohne das eigene Rechte in die VG Wort eingebracht worden sind. Aber diese Verlage wussten, dass die Gelder unter Vorbehalt gezahlt wurden und sie diese Gelder ggbf. zurück zu zahlen haben. Also dürfte ihre Existenz nicht von diesen Summen abhängig sein!

Als (noch Klein-)Verlegerin habe ich mit ganz anderen strukturelle Hindernissen und Barrieren zu kämpfen, auf die auch Martin Vogel in seinem Essay verweist:

Nebenbei bemerkt ginge es den kleinen Verlagen sicher besser, wenn die von ihnen verlegten Bücher auf den Tischen der ebenfalls im Börsenverein organisierten großen Buchhandlungen ausgelegt würden.


Da spricht Martin Vogel aus, was viele gar nicht wissen: für unabhängige Verlage ist es fast unmöglich zu erreichen, dass ihre Bücher in den „normalen“ lokalen Buchhandel, der von den großen Buchhandelsketten (Thalia, Hugendubel, Weiland etc.) dominiert wird, gelangen. Lediglich Amazon, Buchhandel.de und einige andere Online-Anbieter nehmen alle Bücher auf. Unabhängige, oft von Kollektiven oder InhaberInnen geführte – eher kleine Buchhandlungen – sind es, die die Bücher von den unabhängigen (Independent-)Verlagen manchmal in ihr Ladensortiment aufnehmen.   

Als (noch Klein-)Verlegerin kann ich beim Börsenverein* bislang keine Aktivitäten erkennen, die wesentlich zur Förderung kleiner Verlage beitragen, beim Mitgliedsbeitrag angefangen. Der Jahresbeitrag für unseren Verlag würde regulär – und das ist der Mindestbeitrag – 493,50 € kosten. Die wenig nutzbaren Leistungen sind übersichtlich: mal Erwähnung im Börsenblatt, die Möglichkeit der Teilnahme an einem Messe-Gemeinschaftsstand. Die Mitgliedschaft im Börsenverein ist vor allem Voraussetzung, um sich mit einem romanhaften Buch für den Deutschen Buchpreis bzw. den Österreichischen Buchpreis zu bewerben oder für die Aufnahme in die Kurt Wolff Stiftung, deren Mitgliedschaft dann mindestens weitere 250 € kostet…

* Der Börsenverein heißt korrektBörsenverein des Deutschen Buchhandelsund „vertritt die Interessen von 5.000 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten, Zwischenbuchhandlungen und Verlagsvertretern“.

Aber um auf VG Wort zurückzukommen:
Wolfgang Michal fragt ganz berechtigt: „Sind die Autoren so reich, dass sie ihr Geld verschenken können?“