Splitter von der Leipziger Buchmesse 2017

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Gut positioniert gegenüber vom Compact-Stand

Donnerstag 23.03.2017 Anreisetag.
Im Zug ab Berlin sitzen uns drei junge Männer gegenüber: einer mit tätowierten Armen („Die Stunde der Sieger“ etc.), der andere mit blondem Seitenscheitel, Bomberjacke und einem Körpertick, der Dritte einfach nur sehr lang. Ein bisschen wie 90er und voll ostdeutsches Klischee. Nix Innovatives, denke ich.

Noch auf dem Leipziger Hauptbahnhof treffe ich zufällig – nach Jahren des Nichtsehens – einen bekannten Journalisten und Autor, der in einem der nächsten bei Marta Press erscheinenden Sammelband vertreten sein wird.

Am Donnerstagabend war ich als Verlegerin zum Independence-Dinner eingeladen in einer IN-Location in Leipzig. Viele der dort anwesenden Verlegerinnen und Verleger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind 55+ und kennen sich seit zig-Jahren. Es gab u. a. kurze Redebeiträge von Britta Jürgs (Konrad-Wolff-Stiftung),  Ursi Anna Aeschbacher (SWIPS) und Alexander Potyka (Arge Österreichische Privatverlage) sowie Essen und Trinken satt. Ich erfahre an meinem Tisch von einer Schweizer Verlegerin, wie schwierig es ist, wenn es im Land wie der Schweiz keine Buchpreisbindung gibt und die LeserInnen lieber in umliegenden Ländern oder online ihre Bücher kaufen, der Verlag aber Betriebskosten nach Schweizer Konditionen hat.
An meinem Tisch nahm eine Journalistin das Trinken zu eifrig wahr: es gab eine unappetitliche Szene, als sie sich unauffällig wähnte, ihr Besteck fiel runter und das letzte, das ich von ihr sah, war, wie sie einem Verleger auf die Haut rückte.
Für mich als Neu-Verlegerin mit Noch-Keinen-Kontakten und einer Extrovertiertheit gegen Null, die es aber immerhin mit einem Buch auf die Longlist geschafft hatte, war diese Veranstaltung (noch) eher Herausforderung statt Chance.

Freitag 24.03.2017 Messetag.
An dem Eingang der Halle 5 treffen wir sogleich auf den Hamburger Verlag PUNKTUM Bücher! und erfahren von der Verlegerin erste Informationen über die Organisation der Messe und die Standpreise. Fazit nach einigen Gesprächen mit AusstellerInnen: Wenn man einen 2×2 Meter Stand bucht, ist man locker mit 1.000 € inkl. MwSt. dabei. Mit Kosten für Personal, Reise, Unterkunft für 4 Messetage und Werbemitteln kommen da eher 3.000 als 2.000 € Ausgaben für eine Messebeteiligung zusammen. Das will überlegt sein. Ein Gemeinschaftsstand macht möglicherweise Sinn.
Von einer Vertreterin eines linken Hamburger Verlages erfahren wir, dass der Verlag im Börsenverein Mitglied ist, obwohl man mit dessen (verlags-)politischen Aussagen nicht übereinstimmt. Aber einige Vorteile hat so eine Mitgliedschaft schon: man kann mit der Börsenverein-Mitgliedschaft in die Kurt-Wolff-Stiftung aufgenommen werden, sich um den Deutschen Buchpreis bewerben und Rechtsauskünfte erhalten.
Das erste Mal in Leipzig dabei ist dieses Jahr der 1987 gegründete renommierte Ulrike Helmer Verlag.

Das Messe-Begleitprogramm mit 3.583 Lesungen und Diskussionsrunden ist äußerst umfangreich. Will man sich ein individuelles Programm zusammenstellen, kann man hierfür gut in der Datenbank recherchieren oder sich durch das Leipzig-liest-Buch blättern. In den Messehallen selber ist der Geräuschpegel ziemlich hoch und viele Menschen sind in fast ständiger Bewegung um einen rum. Manche AutorInnen lesen ambitioniert vor leeren Stühlen, manche, so bekommt man am Rande mit, können hoffentlich bzw. sicherlich besser schreiben als lesen…

Neben linken Verlagen sind Selfpublisher-DienstleisterInnen und -AutorInnen und religiöse Verlage vertreten.

Es gibt zudem mindestens drei Stände der Neuen Rechten bzw. mit rechtspopulistischer, Pegida- und AfD-naher Ausrichtung: den Ahriman-Verlag, das Magazin Compactdie Wochenzeitung Junge Freiheit und die antifeministische Zeitschrift Deutsche Sprachwelt.
Feministische und/oder antirassistische Gegenaktionen wie den Offenen Brief gegen Compact (2016) gab es 2017 nicht. Dafür eine Minidemo am Compact-Stand am letzten Messetag. Die Messe dient der Gewöhnung an die Ideologie der Neuen Rechte und den von ihr praktizierten Antifeminismus.


Was sonst noch geschah: Margarete Stokowski bloggt  in der taz, das ihre Freundin Ronja von Rönne am Messetag um 7 Uhr Zugfahren muss. Ja, Komfort-Autorinnen haben es echt schwer. Im taz-Blubbertalk versuchen zwei Pop/Post- und eine (ehemalige?) Antifeministin mit ihren Coffee-Bechern super cool zu wirken. Kathrin Gottschalk, stellv. taz-Chefredakteurin, weiß, das die „linken Dauerdemonstranten (…) halt ihre abgegriffenen Parolen haben“ (Minute 29:41) und Ronja von Rönne lässt uns teilhaben an ihrer Erkenntnis – da sie u. a. auch Flugangst kennt -, das bei „legitimer Angst seitens von besorgten Bürgern“ diese sich „mit einer Tasse Kaffee und einem Flüchtling in ein Zimmer setzen sollten“ (Minute 30:07). Denn bei Ängsten helfe nur Konfrontation!
Konfrontieren sollte man diese Frauen auch mit dem Unsinn ihrer Aussagen, ihren Stereotypen und ihrem Halbwissen. Als (re)produzierende Medienfrauen (Buch-Autorin, Spiegel-Online-Autorin, stellv. taz-Chefredakteurin) haben sie die Verantwortung, auch für Wissen für sich selbst zu sorgen.
Es ist nicht die Aufgabe von Flüchtlingen, deutschen Menschen „Angst“ zu nehmen. Und die AfD wird auch nicht nur von 80-jährigen Pegida-DemonstrantInnen umjubelt, wie Rönne meint. (Doch nicht?) komisch, das es für solche platten Aussagen in dem taz-Forum Beifall gab.

Unsere Rückfahrt wird überschattet von einem tödlichen Unglücksfall im Zugverkehr und unsoziales Verhalten von gutbürgerlichen weiblichen weißen Fahrgästen.

Wie wir 2018 auf der Messe vertreten sein werden, werden wir uns in Ruhe überlegen.

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Marta Press hatte ein gutes Jahr 2016!

Im August/September 2016 hatten wir die Unterstützung von zwei Praktikantinnen und wir haben entsprechend fleißig gearbeitet. Planmäßig ist unser erstes Hardcover- und Kinderbuch erschienen: Flora und der Honigkuss“. Es wurde in der L-Mag und in der Missy positiv rezensiert.
(Dies ist auch ein bißchen ein historisches Ereignis, da Marta Press bislang von manchen feministischen Medien ignoriert worden ist bzw. immer noch wird, wie zum Beispiel von  Emma oder Wir Frauen.

Es gab über 20 Lesungen in diesem Jahr!
Im Juni waren wir mit einem Bücherstand bei der Radical Bookfair in Hamburg vertreten und Ilka Haederle las aus ihrem Buch „Die Andere“.
Im September 2016 lasen unsere drei Autorinnen aus Berlin Juliane Beer, Ulrike Gramann und Katrin Heinau bei der Langen Nacht der Literatur in Hamburg vor ausgebuchtem Lesesaal.

Die Autorin Barbara Müller und die Illustratorin Ann-Kathrin Nikolov lasen im November 2016 auf der Messe „Queeres Verlegen“ in Berlin und der verlagseigene Bücherstand wurde sehr gut frequentiert. Als Standnachbarinnen hatten wir die erfahrenen Kolleginnen vom Verlag „Krug & Schradenberg“. Und es gab ein schönes Essen mit einigen Autorinnen und der Verlegerin im „Safran“.

Ein großer Erfolg war natürlich die Nominierung des Buches „Pici“ von Robert Scheer auf der Longlist der Hotlist der Unabhängigen Independentverlage. Von 158 Einsendungen kamen wir unter die ersten 30.
Im Dezember 2016 hat der Tagesspiegel das Buch in seinem Beitrag „Ich denke, sie verhungerten einfach“ gewürdigt.

Alles in Allem ist die Verlegerin sehr zufrieden mit dem Verlagsjahr. Und mit spannenden Büchern wird es in 2017 weitergehen! Hier schon mal die Vorschau!

„Pici“ auf der Longlist der Hotlist

Aus 158 Einsendungen verschiedener unabhängiger Verlage wurde unser Buch „Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück“ für die Longlist mit 30 Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt.

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Durch Mehrheit bei der Internetwahl kommen 3 Bücher dieser 30 Kandidaten auf die Hotlist. Jede/r kann im Internet-Wahllokal bis zum 21. August 2016 – ohne sich zu registrieren – mit einem Klick mitwählen!
7 weitere Bücher von den Hotlist-Kandidaten wählt eine Jury für die Hotlist aus.
Die Bekanntgabe der Hotlist mit 10 Büchern erfolgt Anfang September.
Die 10 ausgewählten Hotlist-Bücher sollen die Vielfalt der Bücher der (konzern)unabhängigen Verlage zeigen.
Autor Robert Scheer und Marta Press freuen sich natürlich sehr, wenn Ihr für unser Buch klickt! Die Hotlist ist eine tolle Möglichkeit, auf die Bücher der unabhängigen Verlage aufmerksam zu machen!

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„Pici“ im Schaufenster der Buchhandlung Gastl in Tübingen

Foto von Buchexpertin Dr. Gisela Rumpp aus der Buchhandlung Gastl.