„Elle“ (frz. „sie“) mit Isabelle Huppert

Das erste Mal erlebe ich es in einem Kino, das schon beim Abspann die Diskussionen zum Filmstoff bei den meisten BesucherInnen losgehen! Zuvor zwei Stunden packender Filmstoff mit humorvollen Szenen, Kopfschüttel-Szenen, Raten, Dramatik und unerwarteten Entwicklungen. Isabelle Huppert ist eine tolle Besetzung für die Protagonistin Michèle, die zusammen mit ihrer engen Freundin eine Film-Firma mit lauter Hipstern in Paris betreibt. Sie lebt stattlich mit ihrer Katze, hat seit ein paar Monaten einen neuen Geliebten, eine schönheitsoperierte, Callboy-konsumierende, gutsituierte Mutter und mit ihrem Ex-Mann, einem Autor, einen erwachsenen Sohn.
Traumatische Kindheitserlebnisse haben eine Frau aus ihr gemacht, die nach Überfall und Vergewaltigung ihren ganz eigenen Umgang damit findet – ohne Polizei.
Wenn ich nicht erfahren hätte, das der Film von Paul Verhoeven (* 1938) stammt, hätte ich gedacht, er sei von einem kreativen, gutgelaunten feministischen Filmkollektiv.
(Zudem bin ich wirklich froh, dass die Hauptrolle nicht von Nicole Kidman gespielt wurde.)
Elf Sterne, obwohl nur zehn möglich sind 🙂

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Lesung mit Anja Röhl

Im Mai diesen Jahres jährte sich der Todestag von Ulrike Meinhof zum 40. Mal. Ulrike Meinhof, geboren 07.10.1937, wurde am 09.05.1976 im Gefängnis Stammheim tot aufgefunden.

Am 07. Oktober 2016 gab es im Centro Sociale in Hamburg wieder eine Gelegenheit, Anja Röhl bei einer  Lesung aus ihrem Buch „Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike“ (Edition Nautilus 2013) zu erleben. Ulrike Meinhof war die neue Partnerin von Anjas Vater Klaus Rainer Röhl (Jg. 1928) und somit die „Stiefmutter“ von Anja Röhl, Jahrgang 1955.

Im Buch werden die familiären Entwicklungen geschildert. Im September 1962 gebar Ulrike Meinhof die Zwillinge Regine und Bettina Röhl, die Halbschwestern von Anja Röhl.
Alle drei Töchter haben ein schweres biografisches Erbe durch ihre Eltern zu tragen. Sexuelle Übergriffe des Vaters an seinen Töchtern Anja und Bettina, Trennungen, Scheidungen, früher Verlust der Mutter durch deren Tod im Falle von Bettina und Regine Röhl, extrem voneinander abweichende politische Ansichten und Aktivitäten innerhalb der Familienstrukturen – bis in die Gegenwart …

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Das Buch von Anja Röhl ist in dem Sinne kein politisches Sachbuch, aber wie hieß es auch schon damals „Das Private ist politisch“. Und so erfüllt es seine Funktion als ein wichtiger Baustein, um sich der Biografie von Ulrike Meinhof anzunähern.
Empfehlenswert in diesem Zusammenhang sind desweiteren zwei Ulrike-Meinhof-Biographien: einmal von Jutta Ditfurth „Ulrike Meinhof. Die Biografie“ (Ullstein 2009) und von Katriina Lehto-Bleckert die Dissertation mit dem deutschen Titel „Ulrike Meinhof 1934-1976: Ihr Weg zur Terroristin“.

Interessant ist auch die WDR-Sendung von Sibylle Plogstedt mit Ulrike Meinhoffs Schwester Wienke Zitzlaff vom 28.09.2014, hier anzuhören.

Marceline Loridan-Ivens: Und Du bist nicht zurückgekommen

 

loridanMit 87 Jahren zieht Marceline Loridan Bilanz…
Dieses Büchlein ist ein Meisterwerk und für mich das beste Buch, dass 2015 erschienen ist. Marceline Loridan-Ivens ist 1928 geboren und kam mit ihrem Vater nach Auschwitz. Im Mai 1945 wird sie als 17-Jährige im Ghetto Theresienstadt befreit. Ihren Vater und weitere 44 Familienmitglieder sind ermordet.
Zurück in Frankreich versucht sie eine „normale“ Existenz aufzubauen. Sie wird Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin. Doch die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden ist so ungeheuerlich, dass sie auch auf die Überlebenden und deren Nachkommen lebenslang Auswirkungen hat.

Man kehrt nie aus Auschwitz zurück.

In ihrem Buch ist jeder Satz, jedes Wort an seinem richtigen Platz.
Und es gibt kein zu viel und kein zu wenig an Worten.
Insel Verlag, 2015, 111 Seiten, 15,00 €

 

 

 

 

Marlene Streeruwitz: Nachkommen.

In ihrem Roman gewährt uns die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz (Jg. 1950) einen Blick hinter die Kulissen des Deutschen Buchpreises. Ihre junge Protagonistin gelangt mit ihrem Buch überraschend auf dessen Shortlist. Genau wie Streeruwitz selbst, dessen Werke 2011 auf die Shortlist und 2014 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises kamen. nachkommenNeben den privaten Entwicklungen geht es auch um das Dasein der Autorin, die zwar ein Buch verfasst hat, aber kaum Geld zum Leben hat. Um Verlage und konkurrierende AutorInnen, um den Marketing-Zirkus und die verteilten Rollen darin.
Es relativiert auch manche Vorstellungen von „Erfolg“. Auch des finanziellen Erfolgs. So rechnet sich die Autorin aus, wieviel Geld sie letztendlich bei einer Marge in Höhe von 1,70 € und bei knapp über 3.000 verkauften Büchern bekommen würde. Geld, auf das sie dringend angewiesen ist. Ihr Verleger widerum hat seine ganz eigenen Erwartungen und Hoffnungen, genau wie die Medienwelt.
Streeruwitz` Schreibstil ist immerhin eine Transformation, wie man sie sich von AutorInnen wünscht. Manchmal sind m. E. durch zu viele Wortwiederholungen/-spielereien kleine Längen entstanden, aber das schmälert das Lesen nicht für die, die ihren Stil mögen und neugierig darauf sind, was die Frau uns zu sagen hat. Streeruwitz gehört zu den politischen AutorInnen, die auch mal auf einen Preis verzichten, weil sie ihren Werten treu bleiben und sich nicht verbiegen wollen.
Fischer Verlag, 2015, 432 Seiten, 10,99 €.