VG Wort, Börsenverein und BGH-Urteil

In den letzten 14 Jahren wurden durch die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) jährlich ca. 30 Millionen Euro falsch verteilt: Sie gingen rechtswidrig als „Verlegeranteil“ an die Verlage in Deutschland statt an die AutorInnen. Dagegen hat der Autor Martin Vogel erfolgreich geklagt. Das Verfahren „Verlegeranteil“ kostete die VG Wort eine Million Euro Prozesskosten. Der Bundesgerichtshof (BGH) gab dem Kläger Martin Vogel Recht. Dies bedeutet, das die unter Vorbehalt ausgezahlten „Verlegeranteile“ an die VG Wort zurück gezahlt werden müssten.

Vor und nach diesem Urteil protestierten Verlegerinnen und Verleger, ihre Stiftungen, Verbände, Gewerkschaften, Medien, Berufsnetzwerke und sogar „die bis zur Besinnungslosigkeit Überangepassten unter den Autoren selbst“ (Marcus Hammerschmidt).

Bedrohungsszenarien wurden heraufbeschworen: massenweise würden Verlage finanziell zusammenbrechen und dadurch sei die Vielfalt des Verlagswesens gefährdet. Diese Sichtweise ist absurd! Für kleine unabhängige Verlage ist der Verlegeranteil viel zu gering, als dass dies zu einer Pleite oder einem Konkurs führen könnte. Mittelgroße unabhängige Verlage hatten dagegen im Jahr im Schnitt fünfstellige Summen als „Verlegeranteil“ von VG Wort erhalten, sprich eine „Subversion“, ohne das eigene Rechte in die VG Wort eingebracht worden sind. Aber diese Verlage wussten, dass die Gelder unter Vorbehalt gezahlt wurden und sie diese Gelder ggbf. zurück zu zahlen haben. Also dürfte ihre Existenz nicht von diesen Summen abhängig sein!

Als (noch Klein-)Verlegerin habe ich mit ganz anderen strukturelle Hindernissen und Barrieren zu kämpfen, auf die auch Martin Vogel in seinem Essay verweist:

Nebenbei bemerkt ginge es den kleinen Verlagen sicher besser, wenn die von ihnen verlegten Bücher auf den Tischen der ebenfalls im Börsenverein organisierten großen Buchhandlungen ausgelegt würden.


Da spricht Martin Vogel aus, was viele gar nicht wissen: für unabhängige Verlage ist es fast unmöglich zu erreichen, dass ihre Bücher in den „normalen“ lokalen Buchhandel, der von den großen Buchhandelsketten (Thalia, Hugendubel, Weiland etc.) dominiert wird, gelangen. Lediglich Amazon, Buchhandel.de und einige andere Online-Anbieter nehmen alle Bücher auf. Unabhängige, oft von Kollektiven oder InhaberInnen geführte – eher kleine Buchhandlungen – sind es, die die Bücher von den unabhängigen (Independent-)Verlagen manchmal in ihr Ladensortiment aufnehmen.   

Als (noch Klein-)Verlegerin kann ich beim Börsenverein* bislang keine Aktivitäten erkennen, die wesentlich zur Förderung kleiner Verlage beitragen, beim Mitgliedsbeitrag angefangen. Der Jahresbeitrag für unseren Verlag würde regulär – und das ist der Mindestbeitrag – 493,50 € kosten. Die wenig nutzbaren Leistungen sind übersichtlich: mal Erwähnung im Börsenblatt, die Möglichkeit der Teilnahme an einem Messe-Gemeinschaftsstand. Die Mitgliedschaft im Börsenverein ist vor allem Voraussetzung, um sich mit einem romanhaften Buch für den Deutschen Buchpreis bzw. den Österreichischen Buchpreis zu bewerben oder für die Aufnahme in die Kurt Wolff Stiftung, deren Mitgliedschaft dann mindestens weitere 250 € kostet…

* Der Börsenverein heißt korrektBörsenverein des Deutschen Buchhandelsund „vertritt die Interessen von 5.000 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten, Zwischenbuchhandlungen und Verlagsvertretern“.

Aber um auf VG Wort zurückzukommen:
Wolfgang Michal fragt ganz berechtigt: „Sind die Autoren so reich, dass sie ihr Geld verschenken können?“

Werbeanzeigen